Tschernobyl mahnt: Atomkraft beenden – endlich in ganz Europa

Hans Christian Markert zum 30. Jahrestag der Tschernobyl-Katastrophe:

Auch 30 Jahre nach der Katastrophe von Tschernobyl bleibt in der Anti-Atompolitik viel zu tun. Wir müssen in Deutschland aus der gesamten nuklearen Brennstoffkette aussteigen und die Atomfabriken in Gronau und Lingen rechtssicher und endgültig schließen. In Europa müssen wir verhindern, dass Atomkraftwerke neu gebaut werden, und wir müssen uns weiterhin für einen endgültigen Atomausstieg in ganz Europa einsetzen.

All das muss unsere Lehre aus Tschernobyl sein.

Am 26. April 1986 explodierte Block 4 des AKW im sowjetischen Tschernobyl. Hunderttausende Menschen mussten ihre Wohnungen für immer verlassen, radioaktive Wolken verteilten die Strahlung über Europa. Zehntausende Menschen erkrankten infolge der Atom-Katastrophe. Auch wir in Nordrhein-Westfalen bangten, wann immer dunkle Regenwolken aufzogen. Wir horteten Konserven, deckten uns mit Trockenmilch ein: Die atomare Gefahr, vor der viele von uns lange gewarnt hatten, wurde Realität. Gemeinsam gingen wir auf die Straße, gründeten neue Anti-Atom-Initiativen: Die Anti-Atom-Gemeinde wurde zur Massenbewegung. Viele grün sozialisierte Menschen nahmen sich wie ich nach Tschernobyl vor, erst zu ruhen, wenn das letzte AKW abgeschaltet ist.

Fukushima als trauriger Wendepunkt in Deutschland

Die Atom-Lobby und das Politik-Establishment hingegen ließ Tschernobyl weitgehend kalt – die Katastrophe wurde als „auf kommunistischer Misswirtschaft beruhender Unfall“ abgetan. Einen Achtungserfolg errangen Umweltschützer*innen und Anti-Atom-Bewegung in Deutschland trotzdem: 1986 wurde infolge des GAUs ein eigenständiges Bundesumweltministerium geschaffen.

Nach dem ersten Konsens zum Atomausstieg unter der rot-grünen Bundesregierung zeigten Union und FDP 2010, dass sie aus Tschernobyl nichts gelernt hatten. Gegen den Widerstand von Umweltverbänden, Zivilgesellschaft und Grüner Opposition drückten sie 2010 eine unverantwortliche Laufzeitverlängerung für Atomkraftwerke durch. Dann kam Fukushima. Obwohl Japan viel weiter entfernt liegt als Tschernobyl, öffnete der GAU im hochtechnisierten Japan den meisten Deutschen die Augen. Fukushima war trauriger Anlass für den viel zu späten, aber spätestens jetzt gesamtgesellschaftlich gewünschten Ausstieg aus der technisch nicht beherrschbaren und damit politisch nicht verantwortbaren Atomkraft. Umso bitterer, dass die EU nun offenbar den Ausbau von Atomreaktoren in der Ukraine mitfinanziert.

Atomausstieg heißt mehr als Kraftwerke abschalten

Und bis heute gibt es keine Lösung, wie wir mit den atomaren Hinterlassenschaften umgehen – weder gibt es ein Atommüll-Endlager, noch ist entschieden, wer die Folgekosten trägt. Dabei müsste eigentlich klar sein: Auch bei der Atomkraft gilt das Verursacherprinzip. Die Energiekonzerne haben jahrelang hohe Gewinne eingefahren. Jetzt dürfen sie sich nicht aus der Verantwortung stehlen, sondern müssen die Folgekosten tragen. Beim endgültigen Atomausstieg geht es jedoch um mehr als AKW und Endlager. Die Atomfabriken in Gronau und Lingen produzieren den Brennstoff für viele Atomkraftwerke – auch für die belgischen Schrottreaktoren in Tihange und Doel. Auch Gronau und Lingen gehören rechtssicher stillgelegt.

Atomausstieg in ganz Europa vorantreiben – schnell und rechtssicher

Schrott-Reaktoren wie in Tihange und Doel sowie im französischen Fessenheim oder im tschechischen Temelín zeigen uns die nächste Aufgabe: den dringend anstehenden europäischen Atomausstieg. Selbst die Reaktor-Sicherheitskommission (RKS) – wahrlich keine Vorfeld-Organisation der Anti-Atombewegung – hält Tihange und Doel für unsicher: Die Pannenreaktoren gehören schnell und endgültig abgeschaltet. Die häufig als Gegenargument angeführte Sicherheit der Stromversorgung in Belgien können ruhende Gas-Kraftwerke in Deutschland und den Niederlanden sicherstellen.

Deswegen unterstützen wir die vielen engagierten Menschen in der Städte-Region Aachen, den Niederlanden und in Belgien in ihrem großartigen politischen und juristischen Engagement für die endgültige Abschaltung der beiden Schrott-Reaktoren. Wir wollen gemeinsam auf allen Ebenen und in ganz Europa den Atomausstieg vorantreiben. Das muss auf der Straße und in den politischen Institutionen passieren. Aber auch in Städte- und Vereinspartnerschaften wollen wir für ein Ende des atomaren Abenteuers in ganz Europa werben. Die Zukunft ist atomfrei. Auch damit sich Katastrophen wie in Fukushima und Tschernobyl niemals wiederholen.

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